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Ein Feuerwerk an Pointen


(Foto: Hirschhorner Nachrichten)

(bro) (hn) Martin Zingsheim, gerade 34 Jahre alt und für seine Programme auf der Bühne bereits mit 18 renommierten Preisen versehen, war kürzlich beim HCV kult in Hirschhorn zu Gast.

Was er den Zuhörern dort bot, machte schnell deutlich, warum der junge Mann schon so hoch dekoriert ist. Der promovierte Musikwissenschaftler, der auf dem Weg zum Traumberuf des Komponisten in die Kleinkunst abrutschte, begeisterte das Hirschhorner und auswärtige Publikum im HCV Vereinsheim ausschließlich mit seinem Vortrag.

Kein Tisch, ein Stuhl für sein Buch, keine Pflanze, nur ein Mikrofonständer. Nicht einmal das Licht wechselte während der 90 Minuten. In denen ließ der Kabarettist, der eigentlich gar nicht weiß, ob er sich so bezeichnen sollte, einen ständigen Film mit etlichen Szenenwechseln in den Köpfen seiner Zuhörer abspielen. Kopfkino eben, das bei jedem anders aussieht, wie Zingsheim anschaulich verdeutlichte. Beispiel: Man überholt ein Wohnwagengespann und der Fahrer assoziiert: „Wohnwagen - man müsste mal wieder nach Holland fahren.“ Der Beifahrer aber denkt: „Prostitution - man müsste mal wieder…“ Aber keine Sorge, schlüpfrig war es zu keiner Zeit, themenreich schon. Obwohl, oder gerade weil Zingsheim deutlich machte, man solle nur darüber reden, wovon man Ahnung habe. Aber einen zweistündigen Vortrag über trinkbaren Rotwein unter zwei Euro wollte er dem Publikum dann doch nicht antun. „Ob der Abend sie letztlich aber weiterbringen wird, weiß ich nicht“, dämpfte er gleich einmal die Erwartungen, um sich seinen Themen zuzuwenden. Die „Sprache“ war eines davon. Was kann man damit so alles anstellen, und wie gefährlich kann Sprache in der digitalen Welt werden? Hin und wieder streifte Zingsheim dabei das politische Kabarett, referierte über die Begabung der Bundeskanzlerin, ihre Meinung in einem Satz komplett zu wechseln und schwenkte dann wieder zu ganz anderen, gerne auch schon mal banalen Themen. Das „Wildpinkeln“ beispielsweise, das unter teils drastischen Strafen stehe - außer man trägt eine Leine um den Hals und bellt.

Martin Zingsheim präsentierte dem Publikum ein Feuerwerk an Pointen, wer zu lange lachte, verpasste schon wieder eine. Die rasante Ein-Mann-Show jenseits aller Schubladen zeigte den wilden Gedankenstrom des promovierten Lockenkopfes auf, der sich statt einer Kindheit in den 90ern lieber eine in den 60ern gewünscht hätte. Wegen der Musik und der Party. Dennoch: „Bob Dylan hätte zum Logopäden gemusst.“ Deutscher Expressionismus sei wohl, wenn man „zwei Expressis“ bestelle. Über Gott und die Welt parlierend setzt der so harmlos wirkende junge Mann seinen Spott und seine Spitzen so überraschend, locker und beiläufig, dass er seine Zuhörer damit um so unvermittelter trifft. Seine hintergründigen Pointen wirken wie ein Angriff auf das vegetative Nervensystem. Man kann sich gar nicht bewusst dagegen wehren und muss unwillkürlich einfach loslachen. Zingsheims Kopfkino ist frech und geistreich, intelligent und schräg, subversiv und bitterböse, mal nachdenklich, mal brüllend komisch.

16.05.18

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